„Solidarität ist kein Denkmal, sondern eine Tat“

70 Jahre Vermächtnis einer Mutmacherin: AWO Köln ehrt Marie Juchacz am Ehrengrab

Köln, 29. Januar 2026 – „Die Frau ist seit heute die Gleichberechtigte des Mannes“ – mit diesem historischen Satz schrieb Marie Juchacz 1919 Geschichte. Am 28. Januar jährte sich ihr Todestag zum 70. Mal. Aus diesem Anlass ehrte die AWO Köln ihre Gründerin mit einer Kranzniederlegung auf dem Kölner Südfriedhof. Heute – im 100. Jubiläumsjahr der AWO Köln – wurde erneut sichtbar, wie tief das Erbe von Marie Juchacz in der Domstadt verwurzelt ist.

Köln als Beginn und Ort des Gedenkens

Von 1913 bis 1917 ebnete sich Marie Juchacz als Frauensekretärin beim Kölner SPD-Parteibezirk den Weg für ihre Laufbahn. Dass sie heute in einem Ehrengrab der Stadt Köln ruht, unterstreicht die Verbundenheit der Stadt mit ihrem Wirken. Die Gedenkstunde schlug die Brücke von ihren Kölner Anfängen hin zu den Meilensteinen der Frauen- und Sozialpolitik. Sie verdeutlichte den Wandel der sozialen Selbsthilfe zu einem modernen Wohlfahrtsverband, der Vielfalt und Solidarität als zeitlose Werte lebt.

Vier Frauen, eine Botschaft: Stimmen zum Jubiläum

Vier Frauen beleuchteten das Erbe von Juchacz aus unterschiedlichen Perspektiven:

Für Bürgermeisterin Brigitta von Bülow, die Oberbürgermeister Torsten Burmester vertrat, war Marie Juchacz keine Theoretikerin. Sie habe die AWO nicht am Schreibtisch entwickelt, sondern aus der Not vieler Menschen nach dem ersten Weltkrieg. Solidarität sei für sie kein einfaches Wort, sondern konkretes Handeln.

Die Historikerin Lydia Struck, Urgroßnichte von Marie Juchacz, gab am Ehrengrab persönliche Einblicke in die Familiengeschichte. Sie führte aus, dass ihre Urgroßtante sicher ein reines Rückwärtsgewandtsein abgelehnt hätte. Vielmehr müsse man ihr Erbe als eine lebendige Grundlage begreifen, die man in einer modernen Form weiterführen sollte. Für Struck bleibe Marie Juchacz eine Mahnerin gegen Gleichgültigkeit, die uns lehre, dass Solidarität und Mut gerade in Krisenzeiten keine Grenzen kennen dürfe.

Ingrid Hack, Co-Vorsitzende der AWO Köln, hob die gesellschaftspolitische Relevanz der Gründerin hervor. Sie sehe in Marie Juchacz einen Kompass für die aktuellen Herausforderungen, den Sozialstaat zu erhalten und ihn als fundamentalen Teil unseres demokratischen Staates zu betrachten. Ihre Gedanken und ihr Tun seien bereits vor über 100 Jahren visionär gewesen, da sie stets den Menschen in seiner individuellen Notlage gesehen habe – unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder Stand. Diese Haltung sei in der heutigen Zeit wichtiger denn je.

Ulli Volland-Dörmann, Geschäftsführerin der AWO Köln, lenkte den Fokus auf die Praxis: Marie Juchacz habe gesellschaftliche Entwicklungen konsequent in tatkräftige Hilfe verwandelt. Für die AWO Köln sei dieses Gedenken die Verpflichtung, den täglichen Einsatz für soziale Gerechtigkeit und Vielfalt fortzuführen. Volland-Dörmann betonte, dass Juchacz sicher die heutige Generation dazu auffordern würde, niemals damit aufzuhören, die Stimme für die Schwachen in der Gesellschaft und den Erhalt der Demokratie zu erheben.

Symbolik der Kranzniederlegung: Dankbarkeit und Auftrag

Zentraler Moment des Gedenkens war die Kranzniederlegung. Die Aufschriften der Schleifen – „Das WIR ist immer stärker als das ICH“ und „Marie Juchacz: Ihr Vermächtnis – unser Auftrag!“ – fassten das Selbstverständnis der AWO im Jubiläumsjahr 2026 zusammen. Sie verbinden den Dank für ihr Lebenswerk mit dem Versprechen, Juchacz’ Einsatz für soziale Gerechtigkeit auch in der Zukunft der AWO Köln fortzuführen. Die Botschaften sind Bekenntnis dazu, dass soziale Hilfe und politischer Mut untrennbar miteinander verbunden bleiben.

Mit diesem Gedenken setzte die AWO Köln ein Zeichen für die Unvergänglichkeit der Werte von Marie Juchacz – für eine Gesellschaft, die von Solidarität, Gerechtigkeit und Vielfalt getragen wird.