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Geteilte Erinnerungen

Ein wunderbarer Titel für unsere Fotoausstellung im Rahmen der gleichnamigen 7. Kölner Demenzwochen, wie ich finde.  Ist doch das Teilen von Erinnerungen eine große Chance, um sich mit Menschen zu verbinden, die eine andere Biographie mitbringen, als sie uns geläufig ist. Eine solche Chance durfte ich ergreifen, als ich die Möglichkeit hatte, Herrn Mehmet Metin Türköz zu seinen Erfahrungen als Gastarbeiter in der damaligen BRD zu befragen.

Zur Vorgeschichte: Im AWO-Seniorenzentrum Theo-Burauen-Haus wurde am Montag, den 24. September die Ausstellung „Geteilte Erinnerungen“ eröffnet. Geliehen haben wir die Bilder vom  Ehrenfelder DOMID (Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland e.V.) und Herr Dr. Robert Fuchs vom DOMID war es auch, der die anwesende bunte Gesellschaft  in einem spannenden Vortrag über Migration in Deutschland auf die Bilder vorbereitete.

Schon in ihrer Begrüßung machte Frau Elisabeth Römisch (AWO Bereichsleiterin Pflege) darauf aufmerksam, dass es eine besondere  und für alle überraschende Verbindung zwischen dem Theo-Burauen-Haus  und der Fotoausstellung gibt: Eine der in Großaufnahme abgelichteten Personen ist heute Bewohner des AWO-Seniorenzentrums – Mehmet Metin Türköz. Für ihn war die Überraschung und die Freude groß, als er sich am Montagmorgen als jungen Mann bei seiner Arbeit bei Ford abgelichtet sah. Auch seine Frau ist auf einem der Bilder (gleich neben seinem) zu sehen. Sie war als Gastarbeiterin bei Klöckner Möller beschäftigt. Ein Blick in Herrn Türköz´ Augen reicht, um zu sehen,  wie sehr ihn die Erlebnisse aus der damaligen Zeit heute noch berühren.

Und Herr Türköz ist bereit zu erzählen – davon, wie es damals war, als er im türkischen Radio davon gehört hat, dass Deutschland Arbeitskräfte suche. Es war in den ersten Tagen des Jahres 1962. Herr Türköz und seine Frau hörten den Aufruf. Sie lebten mit dem kleinen Sohn in Istanbul  und waren bereit, die Chance zu ergreifen. Zwei Jahre in der Fremde waren geplant - Herr Türköz brach als 25jähriger junger Mann allein in ein ihm völlig fremdes Land auf. Obwohl der Abschiedsschmerz groß war, nahm er die Herausforderung an. Schließlich war die Hoffnung groß, die Familie in der Türkei finanziell zu unterstützen und gleichzeitig Berufserfahrung in seinem erlernten Beruf zu sammeln.   Er wollte als „studierter Maschinenbauer“  beim Aufbau der Wirtschaft in Deutschland helfen. Er hatte ein Diplom über sein Fachwissen, welches er in Deutschland einbringen wollte.

Leider erwartete ihn etwas völlig anderes: Nach entwürdigenden Untersuchungen durch deutsche Ärzte, einer anstrengenden Reise mit der Bahn, einem Willkommensmahl mit Schweinefleisch, der Unterbringung in einem Wohnheim, wo er mit mehreren Personen in einem Zimmer auf  Strohmatratzen schlafen musste, wurde er als Hilfsarbeiter bei Ford an einem 800 Grad heißen Ofen eingesetzt. Das Heimweh war riesig – doch es gab kein zurück mehr. Er musste die Zähne zusammenbeißen, so sagt er und nach vorne gucken. Immer weiter machen und überleben. In einer Umgebung, die von Geringschätzung für ihn und seine Landsleute geprägt war, die eigene Würde behalten, für sich selbst, für seine Familie und irgendwie auch stellvertretend für viele, denen dies nicht in gleichem Maße wie ihm gelingen konnte. Das war schwer und es zog sich durch sein ganzes Leben, in dem er es immer wieder „allen gezeigt hat“.

Man ist tief beeindruckt, wenn man hört, wie es für Herrn Türköz und seine Familie weiterging: Er nahm allen Mut zusammen und sein Ausbildungsdiplom in die Hand und ging mit einem Übersetzer zum deutschen Chef. Bei diesem konnte er zeigen, dass er mehr kann.Er wurde befördert und zukünftig mit einer Arbeit beschäftigt, die seiner Ausbildung entsprach. Er mietete ein Zimmer und konnte Frau und Kind zu sich nach Deutschland holen. Auf die Frage, was ihm geholfen hat, all die Schwierigkeiten auf seinem Weg zu meistern und niemals aufzugeben, fasst er sich mit der Hand ans Herz und sagt „meine Frau“. Necla Türköz sei immer seine größte Stütze gewesen. Sie  habe sehr darauf geachtet, dass die Kinder gut lernen. Mit Erfolg: beide Kinder haben Abitur gemacht und studiert. Der Sohn, Ugur ist heute im Management bei Ford beschäftigt, seine in Deutschland geborene Tochter Alpin arbeitet ebenfalls bei Ford in der Erwachsenenbildung. Herr Türköz ist sichtlich stolz auf das, was er und seine Frau den Kindern ermöglichen konnten.

Und es gab noch ein ganz anderes Talent, welches ihn durch die Jahre begleitet hat und welches ihm auch ein kleines zusätzliches Einkommen beschert hat: Herr Türköz war in den 60er und 70er Jahren unter seinen türkischen Landsleuten ein regelrechter Pop-Star. Und das kam so:  Bei einem Fest im Frühjahr 1962 spielte er für über 1000 heimwehkranke türkische Gastarbeiter Melodien auf seiner türkischen Balalaika. Völlig unvorbereitet stand er vor dieser Aufgabe und schaute von der Bühne in viele, viele traurige Augen. Er selber, genauso traurig, improvisierte und sang zu den Melodien die unglückliche Geschichte, die die Männer miteinander teilten.  Sie weinten und sangen zusammen und das spendete ihnen Trost.  Insgesamt  veröffentlichte er 13 Langspielkassetten und 72 Singles mit einem Musik-Genre, welches er erfunden hat:  den AlamanyaTürküleri.  Das große Geld haben andere mit seiner Musik gemacht. Für ihn reichte es immerhin, um sich und seiner Familie in Köln Rodenkirchen ein Haus zu bauen.

Viel Schweres sei in seinem Leben gewesen, das fühlt sich rückblickend für den 81jährigen so an. Wir sind nach seiner Geschichte, die von  so viel Traurigkeit, Liebe, Erfolg und Stärke erzählt, beide tief berührt. Ich sehe einem Mann in die Augen, der Großes geleistet hat, der erlebt hat, wie es ist, wenn man Geringschätzung erlebt, einfach so – weil Menschen andere Menschen für weniger wertvoll halten, als sich selbst. Und der ein stolzer Mann geblieben ist, mit einer großen Lebensleistung – ein Mann, der viel zu erzählen hat und dem wir aufmerksam zuhören sollten.

 

Ruth Galler, Köln im Oktober 2018